Der Unauffällige: 30 Jahre Volvo 440

Es gibt Autos, die vergisst man. Sie verschwinden irgendwann aus unserem Bewusstsein. So, als ob es sie nie gegeben hätte. Der Volvo 440 ist so ein Kandidat. Unauffällig, nicht unbedingt aufregend, und irgendwann war er weg aus dem Verkehrsgeschehen. Oder hat jemand in letzter Zeit einen 440 gesehen?

Volvo 440 GLE. Bild: Volvo Cars

Ich erinnere mich noch genau. Damals, im Ausstellungsraum eines Volvo Händlers der schon lange nicht mehr existent ist. Das standen 480 und 440 nebeneinander. Der 480 war spannend, allein auf Grund seiner Form. Der 440 dagegen harmlos, pure Vernunft.

Gerecht war das nicht. Denn der 1988 erschienene 440 und sein ein Jahr später gezeigter Stufenheck Bruder hatten ihre Qualitäten. Die erste Frontantrieb Limousine von Volvo war gut ausgestattet, bot viel Platz für Menschen und Gepäck. Schon 1989 gab es ABS, 1991 Gurtstraffer und Airbags, ab 94 den legendären Seitenaufprallschutz SIPS. Ausserdem hatte der kleine Volvo einen Bordcomputer, zu jener Zeit nicht selbstverständlich in dieser Fahrzeugklasse.

Aber irgendwie hing dem 440 immer der Ruf an, kein richtiger Volvo zu sein. Deutsche Autohefte waren daran sicher nicht unschuldig, und nutzen jede sich bietende Gelegenheit um auf seine zweifelhafte Herkunft hinzuweisen. Da war die Geburtsstätte. Der 440 kam nicht in Schweden, sondern in den Niederlanden im ehemaligen DAF Werk zur Welt. Als wäre das nicht schon schwierig genug, war noch ein weiterer Hersteller als Organspender beteiligt. Die Motoren, darunter auch ein respektabler, kleiner Turbo, waren keineswegs schwedisch. Renault fertigte und lieferte, ebenso das manuelle Getriebe.

Was heute, im Zuge der Globalisierung, selbstverständlich ist, konnte war zur damaligen Zeit durchaus ein ernster Makel sein, wenn man am Stammtisch die Diskussionshoheit behalten wollte. Der 440 war daher ein Fall für rational denkende Menschen, die es nicht so mit Autos hatten. Sondern die einfach ein sicheres, bezahlbares Fahrzeug bei Händler um die Ecke suchten. Wenn dann noch zufällig Volvo dran stand – umso besser.

Der 440 wurde, typisch für Volvo in dieser Zeit, lange gebaut. 1993 wurde er technisch und optisch überarbeitet und vor allem die Karosseriestruktur verbessert. Trotzdem blieb er über seine komplette Bauzeit bis 1996 ein Fliegengewicht. Knapp eine Tonne wog ein 440 oder 460. Unglaublich wenig, auch weil wir uns heute mit rund 2 Tonnen Fahrzeuggewicht im Alltag angefreundet haben. Optisch ähnelte er nach der Überarbeitung dem 850 und sah erwachsener aus.

Mit 460.822 Fahrzeugen war der 440 ein Erfolg für Volvo. Trotz der Herkunft aus den Niederlanden und den Motoren und Getrieben aus Frankreich. Man fragt sich, wo die vielen 440 geblieben sind? Der 480 hat mittlerweile seinen Liebhaberstatus erhalten. Man sieht das Coupe ab und zu auf den Strassen. Die erste Frontantriebslimousine von Volvo hingegen scheint verschwunden. Unauffällig, kaum merklich. So wie der 440 zu seinen besten Zeiten war.

3 thoughts on “Der Unauffällige: 30 Jahre Volvo 440

  • Ich habe seit Ewigkeiten keinen mehr gesehen und weine, wenn ich ehrlich bin, dem 440 keine Träne nach. Aber schön daß hier das Thema aufgegriffen wird!

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  • Wir haben heute einen gekauft, Bj. 93, 102 PS, Automatik, aus erster Hand, sehr schöner Zustand und echte 61951 Kilometer auf der Uhr.

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  • Ich hatte einen 440 1.8 das Auto war eine einzige Katastrophe. Er rostete, jedes Jahr ein neuer Auspuff. Der Motor war stark, aber auch durstig, auch bei moderater Fahrweise. Die Bremsen waren bissig, aber das Fahrweg vermittelte einen nicht gerade sicheren Eindruck auf rutschigem Untergrund. Schade, gerade dieser Wagen war eigentlich mein Traum. Das Platzangebot war gut, der Kofferraum ausreichend. Mit der Motorsteuerung gab es Probleme ohne Ende, Zumindest war das bei mir so. Die Lüftung heizte einem im Sommer so richtig ein. Wassereinbruch im Kofferraum. Das Getriebe an kalten Tagen extrem schwergängig.

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