Techno Classica 2015

Die Techno-Classica ist zweifelsohne eine der wichtigsten europäischen Messen für die Freunde von Old- und Youngtimern. Sehen und gesehen werden, informieren, feilschen, kaufen (oder auch nicht), der Besuch in Essen lohnt sich. Geld kann man jederzeit in größeren Mengen loswerden, muss es aber nicht, zumal manchmal Preise aufgerufen werden, die vielleicht mit viel gutem Willen noch in DM zu rechtfertigen wären, keinesfalls aber in Euronen.

Volvo Cars Heritage auf der Techno Classica
Volvo Cars Heritage auf der Techno Classica

Nun muss man die Messehallen aber nicht unbedingt mehr oder weniger schwerbepackt verlassen. Es lohnt sich mindestens ebenso, Eindrücke zu sammeln, Raritäten zu sehen und gute Bekannte zu treffen. Wobei ich mich hier auf die Skandinavier beschränken will.

Die größte Überraschung habe ich bei der Autostadt erlebt, denn dort stand ein Saab 99 turbo, Baujahr 1979. Gleich danach rangiert der Spielzeughändler, bei dem eine mit Volvo-Werbung ausstaffierte Tankstelle stand. Und der Duett auf dem Stand des Reifenherstellers Vredestein hätte auch beim schwedischen Televerket Dienst tun können.

Ansonsten waren die üblichen Verdächtigen vertreten, die beiden Markenclubs von Saab und Volvo. Bei den Trollen standen ein früher 99er in fast unberührtem Originalzustand und ein auf Rallye gebürsteter später 99er aus Belgien. Beide Autos haben das besondere Interesse einer schwedischen Reisegruppe erregt, die mit dem Bus unterwegs war und neben der Messe auch noch verschiedene Museen besucht hat.
Die Ausstellungsstücke des Volvo Club Deutschland hatten den Besuchern ihre Schokoladenseite zugewandt, nämlich das Heck. Ihre Namen: C30, 480 und Schneewittchensarg.

Volvo war aber nicht nur als Club vertreten, sondern auch als Unternehmen, genauer gesagt als Volvo Cars Heritage. Die Göteborger stellen schon seit vielen Jahren in Essen aus und fallen durch ihre skandinavische Art auf. Was für Essen konkret bedeutet, dass sich am Stand ein relatives Gefühl der Weite einstellt, nicht jeder der teuren Quadratmeter ist mit klassischem Blech vollgestellt. Höchstens ein halbes Dutzend Fahrzeuge werden gezeigt. Heuer waren es fünf Klassiker plus das neue Dickschiff VolvoXC90. Was aber hervorragend zu den Oldies passt, denn wer seinem vierrädrigem Liebling keine Anreise auf eigener Achse zumuten will, packt ihn auf einen Hänger und spannt das SUV davor.

In Essen stand einer der Beiträge zum diesjährigen Thema “The Bertone Volvos” auf dem Hänger, ein 780, der dem belgischen Sammler gehört. Vorbesitzer des Coupés von 1989 war ein gewisser Tuve Johansson, 1995 – 2000 Geschäftsführender Direktor von Volvo Personvagnar.

Hierzulande vermutlich noch bekannter ist der ehemalige Besitzer des roten 780 (1985) und des roten 262C (1981): Pehr G Gyllenhammar, 1983 – 1993 Vorstandsvorsitzender des Volvo-Konzerns. Beide Autos sind speziell nach seinen Wünschen gestaltet worden, innen und außen in einem auffälligen Rot, was es so ab Werk nicht gab. Inzwischen lebt Herr Gyllenhammar in London und die Autos wieder in der alten Heimat – beide gehören dem Volvo-Museum in Göteborg.

Dem schon oben erwähnten Belgier gehört das zweifelsohne seltenste Ausstellungstück, der Volvo 262C Solaire. Die kalifornische Firma Solaire wollte 1981 auf Initiative des damaligen Geschäftsführers von Volvo Cars of North America, Björn Åhsltröm, eine Kleinserie von 50 Cabrios auflegen, doch nach 4 oder 5 Exemplaren – genau lässt sich das nicht mehr feststellen – war Schluss, unter anderem, weil Volvo Zweifel an der Sicherheit des Cabrios hegte.

Dagegen ist der schwarze 262C des niederländischen Volvo-Spezialisten Schmidt Gemert geradezu ein Massenprodukt, aber auch ein besonderes, denn es dürfte weltweit keinen Volvo 262C geben, der weniger als 62 US-Meilen (99) Kilometer auf dem Tacho hat. Der schwedische Italiener ist 1981 an einen Händler in Newburgh, New York ausgeliefert worden und dort zunächst im Ausstellungsraum geblieben.

Neben zahlreichen privaten Sammlern und Clubs kümmert sich natürlich auch Volvo um sein historisches Erbe. Dabei fährt der Konzern zweigleisig. Auf dem ehemaligen Werftgelände Arendal auf Hisingen in Göteborg steht das 1995 eröffnete und inzwischen mehrfach erweiterte Volvo-Museum. Es wird gemeinsam von der Volvo Car Group und dem Volvo-Konzern mit Volvo Lastvagnar, Volvo Bussar, Volvo Penta und Volvo Construction Equipment betrieben.

Volvo Cars Heritage kümmert sich um das rollende Erbe. Zu den Aufgaben gehört es, auf Messen Präsenz zu zeigen, aber auch, fahrbereite Klassiker für bestimmte Gruppen wie beispielsweise Volvo-Manager und Journalisten bereitzustellen. Chef von Volvo Cars Heritage ist Per-Åke Fröberg (57). Mit ihm habe ich mich in Essen unterhalten. Sein Hobby sind alte Autos, er besitzt selber 10 Klassiker, einen Volvo 245 Turbo, einen BMW 518 aus dem Jahre 1977 und 8 Honda- und Suzuki-Motorräder aus den 60er und 70er Jahren, die er gelegentlich auch fährt. „Die brauchen in der Garage weniger Platz als Autos“, lautet die pragmatische Erklärung. Pragmatisch auch der bevorstehende Abschied vom BMW, der demnächst bei „Blocket“ angeboten werden soll: „Ich kann ja als Chef von Volvo Cars Heritage nicht in einem BWM-Youngtimer durch die Gegend fahren.“ Selber schrauben ist auch nicht sein Ding: „Ich bin froh, dass ich einen tüchtigen Mechaniker habe, da stecke ich da lieber Geld herein. Außerdem ist das auch eine Zeitsache.“

Stimmt, besonders, wenn man wie Per-Åke Fröberg in seiner Position mehr oder weniger Alleinunterhalter ist, während „bei manchen deutschen Kollegen in dem Bereich über 100 Leute tätig sind.“ Folgerichtig wären ihm mehr Ressourcen recht, um „ an mehr Messen teilzunehmen, sich an mehr Orten auf der Welt zu engagieren und vielleicht auch eine eigene Ersatzteilversorgung für die Klassiker aufzubauen.“ Schließlich gilt es, ein Erbe zu bewahren, und zwar „authentisch“. Dieser Begriff zieht sich wie der berühmte rote Faden durch Fröbergs Verständnis vom Erbe, wobei er es nicht verklären möchte: „Als Unternehmen kann Volvo eigentlich nur nach vorne blicken. Wir verdienen mit unseren alten Autos kein Geld.” Aber die Vergangenheit ist eben auch eine gute Basis für die Gegenwart, man weiß, woher man kommt und kann das dann auch glaubhaft vermitteln.

Wobei der Umgang mit der Vergangenheit regional durchaus unterschiedlich ist. In Schweden sind ist die Beschäftigung mit alten Autos eine Art Volksbewegung. Die Menschen haben in der Regel reichlich Platz, ein Restaurierungsobjekt abzustellen, an den langen Winterabenden wird dann geschraubt. Zudem gilt es unter schwedischen Männern oft als Ehrensache, handwerklich geschickt zu sein.

In Deutschland hingegen ist nach Einschätzung von Per-Åke Fröberg der Übergang zwischen Hobby und Geldanlage weitaus fließender, wie er es auch aus dem Preisniveau der auf der Techno Classica angebotenen Autos herausliest. „Hier gibt es, wie auch in den USA, eine regelrechte Oldtimerindustrie. Es gibt fast für jede Marke Fachbetriebe, in denen man sein Auto abgeben und des komplett restauriert wieder abholen kann.“

Per-Åke Fröberg räumt gerne ein, dass er das Glück hat, sich beruflich mit dem zu beschäftigen, was für andere Menschen ein Hobby ist: „Am meisten Spaß macht es mir, mit unserer Geschichte zu arbeiten. Es gibt so viele Aspekte.” Manchmal fällt es ihm schwer, Beruf und Hobby zu trennen. „Gelegentlich bekomme ich eine Überdosis, aber ich habe kein Problem damit, auch wenn es abhängig macht.“ Die Rede ist nicht von irgendwelchen Stoffen, sondern von altem Blech.

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